#meinTuchgehörtmir

Eine Forschungsgruppe hat mich gefragt, was es mit dem Hashtag #meinTuchgehörtmir auf sich hat.

Seid ihr auch neugierig? Dann schaut euch das Interview an und kommentiert gern:

#MeinTuchGehörtMir

Um der Initiative auf die Sprünge zu helfen, habe ich einen Instagram-Account eröffnet: @intersektional.deutsch

So können wir uns noch unmittelbarer an Debatten beteiligen.

Meine erste Amtshandlung: #MeinTuchGehörtMir. Dieser steht im Zusammenhang mit der Schule der Folgenlosigkeit, initiiert von Friederich von Borries.

Der # besagt: Niemand hat das Recht, persönliche Angelegenheiten einzelner Frauen* zu öffentlichen Themen zu machen. Ob eine Frau* ein Kopftuch trägt oder nicht, es immer wieder ablegt oder nur in bestimmten Situationen aufsetzt, geht niemanden etwas an. Nur die Frau* selbst weiß, warum sie* es trägt oder nicht trägt und sie* ist niemandem eine Erklärung dafür schuldig. Egal, welche Bilder auf kopftuchtragende Frauen* von außen projiziert werden: Wir müssen diesem Bild nicht entsprechen und uns nicht erklären.

Über mich

Wer ist eigentlich die Initiatorin dieser Initiative für Intersektionalität?

Ich heiße Tina und wurde 1989 in der DDR als Schwarze Deutsche geboren. Bis zu meinem Abitur lebte ich in Sachsen-Anhalt. Anschließend studierte ich in der (politisch) grünen Oase Sachsens bis ich 2015 meinen Master an der Uni erlangte, an der aus Tradition Grenzen überschritten werden. Dort wirkte ich an der Gründung der lokalen Initiative Schwarzer Deutscher mit.

Auf der Suche nach mir selbst verbrachte ich von 2008 bis 2015 jeweils mehrere Monate bis zu einem Jahr zu Studien- oder Praktikumszwecken in Frankreich, Portugal, Mosambik, Brasilien, der Türkei und Malta. Zwischendurch nutzte ich die Semesterferien für Reisen. Nach dem Studium ging ich zunächst in die deutsche Hauptstadt, dann nach Sachsen-Anhalt in die eigentlich wahre Landeshauptstadt bis ich 2016 in den Niger auswanderte. Aus privaten Gründen kehrte ich 2017 nach Deutschland zurück und lebe seither im selbst ernannten Tor zur Welt, wo ich in einer Schule arbeite und nebenbei erneut studiere.

In diesen stets sehr unterschiedlichen Settings fand ich immer mehr zu mir und wurde mir der Tatsache bewusst, dass ich nirgendwo so richtig hinpasse. Ich war schon immer gezwungen, intersektional zu denken und zu handeln und stieß damit allzu oft an. Für eine deutsche Person mit Hochschulabschluss mag vieles möglich sein, aber wie sieht es aus, wenn es sich dabei um eine Frau im gebärfähigen Alter handelt?

Nun bin ich jedoch mehr als „nur“ eine Frau und laufe daher Gefahr, Diskriminierung aufgrund anderer persönlicher Merkmale zu erfahren. Ich bin

  • Schwarz
  • ostdeutsch
  • Arbeiter*innenkind
  • Muslima
  • Konvertitin ohne familiären oder traditionellen Bezug zum Islam
  • Kopftuchträgerin
  • Mutter
  • geschieden
  • alleinerziehend

Ich sehe mich als Feministin und lehne Diskriminierungen ab, arbeite also auch daran, mir meiner eigenen Handlungen als Diskriminierende bewusst zu werden, denn ich besitze auch enorm viele Privilegien. Diese einzusetzen, um weniger privilegierten Menschen Partizipationsmöglichkeiten einzuräumen, ist mein Ziel, denn ich bin auch

  • Arbeitnehmerin und dadurch finanziell abgesichert
  • alphabetisiert in der Sprache des Landes, in dem ich lebe
  • Universitätsabsolventin
  • kein Mensch, welcher in dieser Gesellschaft aufgrund physischer oder psychischer Normabweichungen behindert wird / als Mensch mit Behinderung problematisiert wird
  • heterosexuell
  • geschlechtlich in einer binären Kategorie verortet
  • Genossenschaftsmitglied und damit unkündbare Nutzerin meiner Wohnung
  • nicht obdachlos
  • deutsch und damit privilegiert mit Blick auf die Vergabe von Visa und Reisefreiheiten
  • deutsch und damit wahlberechtigt in dem Land, in dem ich lebe
  • deutsch und damit Inhaberin vieler Rechte in Deutschland und der EU
  • nicht bevormundet durch meine Familie
  • Muttersprachlerin des Landes, in dem ich lebe
  • freiwillig hier

Willkommen!

Ich habe es satt, nie mitgedacht zu werden oder andere Menschen nicht mitgedacht zu erleben.

Daher suche ich euch! Lasst uns zeigen, dass wir da sind mit allem, was uns ausmacht.

Dabei meine ich weniger Aspekte meines persönlichen Charakters, sondern Diversity-Merkmale.

Ich möchte mich mit euch vernetzen, um Themen zu bearbeiten, die explizit Schwarze deutsche muslimische Feminist*innen betreffen. Lasst uns gemeinsam diese Gesellschaft mitgestalten, anstatt uns in Opferrollen drängen zu lassen, denn wir sind mehr als Mitglieder der Kategorien, in welche wir gesteckt werden.

Wozu die Initiative?

Das Ziel der Initiative intersektional deutsch ist es, im Inklusions- und Diversity-Diskurs auf intersektionale Verwobenheiten aufmerksam zu machen sowie Impulse zu setzen, um die Bedeutung intersektionalen Handelns und Denkens hervorzuheben und von Mehrfachdiskriminierung potentiell betroffenen Menschen ein Empowerment-Forum zu bieten.

Die Initiative intersektional deutsch versteht sich als Schutz- und Aktionsraum für Menschen, die in Deutschland von Mehrfachdiskriminierungen bedroht sind.

Dabei sollen folgende Funktionen und Ziele unser Handeln prägen:

  • Vernetzung und Empowerment mehrfachdiskriminierter Personen untereinander
  • Austauschforum für Themen rund um Intersektionalität, um sich gemeinsam Fach- und Hintergrundwissen anzueignen
  • Vernetzung mit Akteur*innen anderer diskriminierungskritischer Initiativen
  • durch vielfältige Aktionen öffentlich auf die Belange mehrfachdiskriminierter Personen aufmerksam machen
  • Erarbeitung und Veröffentlichung von Stellungnahmen zu aktuellen Problemlagen

Was bedeutet Intersektionalität?

Der Begriff Intersektionalität umschreibt das „Aufeinandertreffen mehrerer Formen von struktureller Diskriminierung“ (Hasters, 2020: 214).

https://www.bpb.de/lernen/digitale-bildung/werkstatt/261318/intersektionalitaet-und-diversitaet-drei-thesen-aus-der-bildungsforschung

Max Czollek erweitert das gängige Verständnis des Begriffes Intersektionalität, indem er nicht nur auf die miteinander verschränkten Diskriminierungsformen verweist, sondern auch auf die Privilegien blickt, welche Handlungsräume erschließen lassen. Er spricht von einer komplexen Intersektionalität (Czollek, 2020: 163).

Wir möchten mit der Initiatiave intersektional deutsch unsere intersektionalen lebensweltlichen Erfahrungen reflektieren und diese in den Vordergrund stellen, um darauf aufmerksam zu machen, dass viele Menschen gleichzeitig von mehreren Diskriminierungsformen bedroht sein können und gleichzeitig mehreren Communities angehören können. Unter Intersektionalität verstehen wir die Gleichzeitigkeit und Verschränkung verschiedener Diskriminierungsformen, welche dadurch eigene Dynamiken entwickeln.

Literatur:

Czollek, Max (2020): Gegenwartsbewältigung, München: Hanser.

Hasters, Alice (20206): Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten, München: hanserblau.

Warum intersektional denken?

Über Diskriminierungen nicht zu schweigen, ist wichtig, wenn man die Lebenswelten der Menschen, mit denen man sich umgibt, verstehen will. Dabei muss man sich der Komplexität bewusst werden und anerkennen, dass eine Person gleichzeitig aufgrund mehrerer (teilweise fälschlicherweise) zugeschriebener Merkmale diskriminiert werden kann. Wenn versucht wird, mehrfachdiskriminierte Menschen in nur eine „Schublade“ einzuordnen, fühlt sich diese Person gegebenenfalls nicht als ganzes Individuum ernst und wichtig genommen, sondern auf nur ein Merkmal reduziert. (Die Reduzierung auf Schubladen ist generell wenig produktiv, identitätsraubend und schmerzhaft).

Es geht dabei also nicht darum, Menschen in Kategorien einzuordnen, sondern ihre Diskriminierungserfahrungen als Teil ihrer Lebenswelten zu begreifen.

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