Wir haben es endlich geschafft: Nach vielen Briefen, Telefonaten und ganz viel Wartezeit sind wir endlich ein eingetragener Verein. Unsere Satzung findet ihr hier.
Die nächsten organisatorischen Schritte stehen an, aber den größten Meilenstein haben wir erreicht. Danke an alle Gründungsmitglieder und Mitstreiter*innen! Nun fangen wir an zu überlegen, welche Projekte wir als nächstes angehen können.
Wenn du (Förder)Mitglied werden möchtest und / oder dich mit uns (bald wieder) regelmäßig austauschen möchtest, kontaktiere uns gern hier.
Eine Schwester wurde viel zu jung aus dem Leben gerissen, als Rahma Ayat am 5. Juli 2025 in Hannover von einem ihrer weißen deutschen cis männlichen Nachbar*innen ermordet wurde. Zuvor wurde sie mehrfach von ihm rassistisch beleidigt. Darüber hatte sie nicht geschwiegen. Sie hatte vom übergriffigen und bedrohlichen Verhalten des Nachbarn berichtet. Sie hatte nichts falsch gemacht. Es reichte, dass sie eine junge Frau aus Algerien war.
Sie hatte Ziele. Sie hatte Träume und Hoffnungen wie alle anderen Menschen auch. Sie hatte Freund*innen und eine Familie. Sie wollte ihre Ausbildung zur Krankenschwester abschließen. Sie wollte leben.
Sie war unsere Schwester, eine afrikanische Muslima, die noch so viel mehr Jahre hätte vor sich haben sollen. Durch den Hass dieses Menschen wurde sie zum Teil einer Gruppe, die eigentlich gar nicht existieren dürfte: Sie wurde zu einem weiteren Opfer des rassistischen Mordens in Deutschland.
Darauf dürfen wir sie aber nicht reduzieren. Vielmehr sollen wir von ihr sprechen als unsere Schwester, als Tochter, als Freundin, als eine jener starken Frauen, die trotz des lebensbedrohlichen Risikos alltäglich die Entscheidung treffen, ihrer Liebe zu Allah swt durch das Tragen eines Kopftuchs Ausdruck zu verleihen.
Lasst uns an sie denken und dabei die Bedeutung ihrer wunderbaren Namen hervorheben. Ihre Eltern haben ihre Liebe dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie sie nach zwei der schönsten und wichtigsten Werte des Islams benannt haben. Rahma (رحمة) steht für die einmalige Barmherzigkeit Allahs swt und Ayat (آيات) sind die Zeichen und Wunder, durch die wir Allah swt erkennen. Lasst uns ihr Leben würdigen und ihren Tod als Heimkehr einer unschuldigen Seele zu Allah swt betrachten.
Als Initiative intersektional deutsch wünschen wir ihrer Familie, ihren Freund*innen und anderen Angehörigen viel Liebe, Zusammenhalt, Kraft und einen starken Glauben in dieser schweren Zeit.
Geplant sind mehrere Online-Treffen, die uns inshallah empowern und als Community zusammenwachsen lassen! Im Oktober/November wollen wir dann in Hamburg eine Podiumsdiskussion veranstalten, um unsere Themen selbst zu setzen und miteinander auszuhandeln.
Seid dabei! Lasst uns unseren Empowerment-Raum für Schwarze Muslima ausweiten, damit muslimisches Leben innerhalb der Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Communities sichtbar wird!
Kontaktiert und auf Instagram (@intersektional.deutsch) oder schreibt uns per Mail (intersektional.deutsch_at_web.de).
Um der Initiative auf die Sprünge zu helfen, habe ich einen Instagram-Account eröffnet: @intersektional.deutsch
So können wir uns noch unmittelbarer an Debatten beteiligen.
Meine erste Amtshandlung: #MeinTuchGehörtMir. Dieser steht im Zusammenhang mit der Schule der Folgenlosigkeit, initiiert von Friederich von Borries.
Der # besagt: Niemand hat das Recht, persönliche Angelegenheiten einzelner Frauen* zu öffentlichen Themen zu machen. Ob eine Frau* ein Kopftuch trägt oder nicht, es immer wieder ablegt oder nur in bestimmten Situationen aufsetzt, geht niemanden etwas an. Nur die Frau* selbst weiß, warum sie* es trägt oder nicht trägt und sie* ist niemandem eine Erklärung dafür schuldig. Egal, welche Bilder auf kopftuchtragende Frauen* von außen projiziert werden: Wir müssen diesem Bild nicht entsprechen und uns nicht erklären.
Das Ziel der Initiative intersektional deutsch ist es, im Inklusions- und Diversity-Diskurs auf intersektionale Verwobenheiten aufmerksam zu machen sowie Impulse zu setzen, um die Bedeutung intersektionalen Handelns und Denkens hervorzuheben und von Mehrfachdiskriminierung potentiell betroffenen Menschen ein Empowerment-Forum zu bieten. Dabei steht für uns eines fest: Wir stellen uns selbst nicht als Opfer dar und wir definieren uns nicht über Ausgrenzungserfahrungen! Wir sind viel mehr. Wir lassen uns unsere Kompetenzen, Erfahrungen und Perspektiven nicht durch willkürliche Zuschreibungen absprechen oder uns instrumentalisieren.
Die Initiative intersektional deutsch versteht sich als Schutz- und Aktionsraum speziell für Schwarze muslimische FINTA* (= feminin, inter, nonbinär, trans, agender * Personen). Allerdings sind wir uns darüber im Klaren, dass unsere Gruppe in sich divers ist und eine Reduzierung auf diese drei Kategorien nicht das Ziel sein sollte, sondern ausschließlich den kleinsten gemeinsamen Nenner darstellt.
Dabei sollen folgende Funktionen und Ziele unser Handeln prägen:
Vernetzung und Empowerment Schwarzer mulimischer FINTA* untereinander
Austauschforum für Themen rund um Intersektionalität, um sich gemeinsam Fach- und Hintergrundwissen anzueignen
Vernetzung mit Akteur*innen anderer diskriminierungskritischer Initiativen
durch vielfältige Aktionen öffentlich auf die Belange Schwarzer FINTA* und insbesondere Schwarze muslimischer FINTA* Personen aufmerksam machen
Erarbeitung und Veröffentlichung von Stellungnahmen zu aktuellen Problemlagen
Der Begriff Intersektionalität wird erstmals von Kimberlé Crenshaw in den 1980er Jahren im Kontext des Schwarzen Feminismus verwendet, um auf die besonderen Belange Schwarzer Frauen* im Diskriminierungsdiskurs und der diskriminierenden Praxis aufmerksam zu machen (Crenshaw, 2019). Sie beschreibt, wie Menschen, welche von mehr als einer Form der Diskriminierung betroffen sind, Nachteile erfahren, welche durch eine eindimensionale Analyse fester Kategorien – nur das Schwarzsein oder nur das Frausein -, nicht greifbar sind. Intersektionalität ist daher ein Analyseinstrument, um die Verschränkung mehrerer Diskriminierungsmerkmale und deren Wirkungen zu untersuchen. Bei der Betrachtung der Wechselwirkungen kristallisieren sich eigene Dynamiken heraus, welche durch ein reines Addieren der Diskriminierungsmerkmale nicht sichtbar würden (Crenshaw, 2019).
Max Czollek erweitert das gängige Verständnis des Begriffes Intersektionalität, indem er nicht nur auf die miteinander verschränkten Diskriminierungsformen verweist, sondern auch auf die Privilegien blickt, welche Handlungsräume erschließen lassen. Er spricht von einer komplexen Intersektionalität (Czollek, 2020: 163).
Wir möchten mit der Initiatiave intersektional deutsch unsere intersektionalen lebensweltlichen Erfahrungen reflektieren und diese in den Vordergrund stellen, um darauf aufmerksam zu machen, dass viele Menschen gleichzeitig von mehreren Diskriminierungsformen bedroht sein können und gleichzeitig mehreren Communities angehören können. Unter Intersektionalität verstehen wir die Gleichzeitigkeit und Verschränkung verschiedener Diskriminierungsformen, welche dadurch eigene Dynamiken entwickeln.
Literatur:
Crenshaw, Kimberlé (2019 / [1989]). Das Zusammenrücken von Race und Gender ins Zentrum rücken. Eine Schwarze feministische Kritik des Antidiskriminierungsdogmas, der feministischen Theorie und antirassistischer Politiken (1989). In N. A. Kelly (Hrsg.), Schwarzer Feminismus. Grundlagentexte (S. 145-186). Münster: Unrast.
Czollek, Max (2020). Gegenwartsbewältigung. München: Hanser.
Hasters, Alice (2020 / [2019]). Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten. 6. Auflage. München: hanserblau.
Über Diskriminierungen nicht zu schweigen, ist wichtig, wenn man die Lebenswelten der Menschen, mit denen man sich umgibt, verstehen will. Dabei muss man sich der Komplexität bewusst werden und anerkennen, dass eine Person gleichzeitig aufgrund mehrerer (teilweise fälschlicherweise) zugeschriebener Merkmale diskriminiert werden kann. Wenn versucht wird, mehrfachdiskriminierte Menschen in nur eine „Schublade“ einzuordnen, fühlt sich diese Person gegebenenfalls nicht als ganzes Individuum ernst und wichtig genommen, sondern auf nur ein Merkmal reduziert. (Die Reduzierung auf Schubladen ist generell wenig produktiv, identitätsraubend und schmerzhaft).
Es geht dabei also nicht darum, Menschen in Kategorien einzuordnen, sondern ihre Diskriminierungserfahrungen als Teil ihrer Lebenswelten zu begreifen, um bewusste Handlungen zu ermöglichen. Mit einem Bewusstsein für Zugänge zu Ressourcen und gesellschaftliche Machtverteilungen ist es möglich, gezielt Maßnahmen zum Selbstschutz oder zur Umverteilung umkämpfter Ressourcen beizutragen.
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